Angst, wir brauchen Angst

Klimaschutz ist teuer, kein Klimaschutz teurer

Ein Meinungsartikel von Jonas Evers (Abi 2021)

Die Luft war dick. Ein nicht aufhörender, nasser Winter trieb den Jadebusen in Sturmfluten über die Deiche. Ein Mensch bezahlte mit seinem Leben. Abgelöst wurden die grauen Himmel zum Jahreswechsel von einem dürren Sommer, der von Mai bis Oktober die Felder am jeverschen Stadtrand braun einfärbte.1 Friesland wacht aus dem 2019-Klima-Albtraum ein Jahr später in einer Pandemie auf, geweckt von Rammarbeiten im Neubaugebiet hinter Famila.2 Der entwässerte Moorboden wird mit Steinen, Beton und Asphalt versiegelt, um Platz für neue Einfamilienhäuser zu schaffen. Olaf Lies pitcht Zukunftsvisionen des zweiten Kohlekraftwerks, das (um die Arbeitsplätze zu sichern!) in Zukunft Holzpellets statt Kohle verbrennen soll.3

Foto: pixabay.com

An der Küste bekommen wir jeden Aspekt der Klimakrise demonstriert. Erst letzte Woche kam es in Upjever und Sandelermöns erneut zu Überschwemmungen. Die NWZ titelt, das ganze Dorf „war auf den Beinen“ und „plötzlich steht das Haus im See“4. Kurzum: Die Lage ist verheerend. 

Aber jetzt mal ganz ehrlich: Bist du dir über dieses existenzielle Problem wirklich im Klaren? Warum schockt uns das Intro dieses Artikels nicht so, wie sie es sollte? Bist du dir über den Zusammenhang und die Folgen deiner Missetaten im klaren, wenn du genüsslich in deinen Döner beißt, mit dem Auto zur Schule fährst oder den Vater von Joe Laschet wählst? 

„I want you to panic.“ 

– Greta Thunberg

Von der AfD lernen heißt Angst zu schüren. Auch Greta hat erkannt, was politisch für Aufbruch sorgt. Die wohl bitterste Corona-Lektion scheint zu sein, dass eine Krise schon unmittelbar tödlich sein muss, damit die Politik anfängt, auf die Wissenschaft zu hören. Die Aufgabe von Klimaaktivismus sollte es also sein, die unmittelbare Tödlichkeit dieser Krise sichtbar zu machen. Und ja, vielleicht wäre auch etwas Angst nicht schlecht. 

Die „3 Ökotipps, mit denen wir das Klima retten“ werden uns langfristig nicht das Wasser aus den Kellern pumpen, merkt Luisa Neubauer in ihrem Spotify-Podcast „1,5 Grad“ an. Die Klimakrise zu individualisieren, also Avocados zu verteufeln, mit attitude Jutebeutel zu tragen und sich Pflanzen ins Zimmer zu stellen sind zwar alles gute Einfälle (vor allem die Jutebeutel-attitude), aber nur ein Tropfen auf einem heißer werdenden Stein. Das System dankt es sogar, wenn wir von der Coca Cola auf das stille Vio-Wasser umsteigen – die Gewinnmarge ist beim Wasser höher, das Image besser, und das Geld landet auch so beim Konzern, in diesem Fall sogar beim gleichen. 

In ihrem Podcast „1,5-Grad“ erklärt Luisa Neubauer, warum Veränderung eben nicht im Kleinen anfängt, sondern an den großen Schrauben gedreht werden muss, damit sich wirklich etwas bewegt.

Zeit, größer zu denken: Statt besserer Radwege ein autofreies Friesland fordern! Statt „Anreizen“ eine Solardach-Pflicht! Statt einem Kohleausstieg bald, beide Wilhelmshavener Kraftwerke jetzt abschalten. Statt Carsharing zu fördern, Inlandsflüge verbieten! Ist das alles realistisch und möglich? Nein. Ist es notwendig? Ja.

Warum um alles in der Welt macht es uns mehr Angst, wenn die Grünen eine Spritpreiserhöhung fordern, als wenn im Westen 150 Menschen in einer Naturkatastrophe sterben, von der jeder Meteorologe sagt, sie sei ohne den Klimawandel so nicht passiert? Klimaschutz ist teuer, kein Klimaschutz teurer. 

Zeit, der Angst ein Gesicht zu geben. Am 10. September, zwei Tage vor den Kommunalwahlen, organisiert FrieslandZero einen großen Klimastreik in Jever. Dabei sind Jugendliche, Erwachsene, Senioren. Der Aufruf: Bei Kommunal- und Bundestagswahl Klima wählen. Ohne einen Politikwechsel können wir das 1,5-Grad-Ziel niemals einhalten. Wenn sich nichts ändert erlebt meine Altersgruppe eine Erderwärmung von fast drei Grad5 – guter Grund, Angst zu haben. 


Quellen:

[1] Krauß, Werner: „Guten Tag, ich arbeite für den Klimaservice“, 10.03.2019, ZEIT Online, aufgerufen über: https://www.zeit.de/kultur/2019-03/klimawandel-norddeutschland-klimapolitik-zukunft-ethnologie-veraenderung, 19.07.2021

[2] „Baugebiet ‚an den Schöfelwiesen'“, Stadt Jever, aufgerufen über: https://www.stadt-jever.de/portal/seiten/baugebiet-an-den-schoefelwiesen–903000506-20820.html, 19.07.2021

[3] Boekhoff, Lisa: „Kraftwerk in Wilhelmshaven soll mit Biomasse betrieben werden“, 11.06.2020, Weser Kurier, aufgerufen über: https://www.weser-kurier.de/bremen/wirtschaft/umstieg-auf-biomasse-kraftwerk-will-sich-von-kohle-verabschieden-doc7e4jce7a6dsr1viicc7, 19.07.2021

[4] „Und plötzlich steht das Haus im See“, 16.07.21, NWZ, aufgerufen über: https://www.nwzonline.de/plus-friesland/sandelermoens-schortens-wolkenbruch-ueberm-jeverland-und-ploetzlich-steht-das-haus-im-see_a_51,2,1974364724.html, 19.07.21

[5] Hack, Hans: „How much hotter will it get in your lifetime?“, 08.07.21, datawrapper, aufgerufen über: https://blog.datawrapper.de/how-much-hotter-will-it-get-in-your-lifetime/, 19.07.21

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