Kunst in der Krise

Gedanken einer verlorenen Jugend

von Mia Evers (Q1)

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Das Virus, von dem Sie vielleicht gehört haben, hat auf der ganzen Welt das Leben von Milliarden Menschen verändert. Plötzlich, von einem Tag auf den anderen, mussten sie ihren Tagesablauf neu gestalten, hatten neue oder alte Sorgen und waren damit auf sich allein gestellt. Denn eine Nebenwirkung der Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung des Virus war die teilweise bis komplette Isolation vom eigenen sozialem Umfeld und der Welt da draußen. Doch der Druck, die Arbeit und die Verantwortung wurden nicht kleiner, wuchsen vielleicht noch. Was wegfiel und -fällt, sind Entspannungsmöglichkeiten, Sport, Feiern, jegliche soziale Events. Keine Konferenz und kein Telefonat kann ein Gespräch von Auge zu Auge ersetzen, keine Streamingplattform das Kino und kein Song eine durchtanzte Nacht. Was sich anstaut, ist Lust, etwas für sich zu tun, das einem selbst gut tut. Etwas selbst erschaffen und ausdrücken. Was kann das besser als Kunst?

Literatur war und ist immer situationsabhängig. Je nach Epoche, je nach Weltgeschehen verändern sich die Themen, die der Künstler gerade wichtig findet und die Stimmung, die er darstellen will. Also, wie drücken sich die Menschen heute lyrisch aus? Welche Stilmittel benutzen sie, welche Stimmung wollen sie ausdrücken, welche Themen behandeln sie? Und, vor allem, wie hat die momentane Situation all das verändert?

Sicherlich war es so etwas wie ein Witz, wenn die Leute darüber sprachen, dass am 01.01.2021 alles wieder gut, alles wieder normal werden wird. Aber ein wenig hat doch jeder daran geglaubt, oder wenigstens darauf gehofft. Das ist es, was immer wieder in den Vordergrund rückt: Hoffnung. Man solle die Hoffnung nicht verlieren, man solle hoffnungsvoll nach vorne schauen, als wäre mit dem Jahreswechsel alles zu Ende. Manche fragen sich, ob 2020 ein Albtraum gewesen sei, aus dem man nur endlich aufwachen müsste. Denn, das muss man zugeben, fasst man das vergangene Jahr zusammen, war es ein nicht endender Horror, der von Monat zu Monat absurder zu werden schien. So suchen sich Menschen Ausweichmöglichkeiten, die besänftigen oder sich besser fühlen lassen. Dinge, über die man sich aufregen kann, gab es schon immer, aber noch nie hat etwas unser Leben so grundsätzlich und umfassend verändert. Das zeigt sich eben auch in den Gedanken, Träumen und Wünschen der Menschen.

Der Funken (vgl. Z. 1), der hier beschrieben wird, hell und beständig, soll eine Quelle der Kraft darstellen, die währt, wenn alles andere zu Bruch geht. Jedoch muss der Mensch, bzw. die Knospe, auch daran glauben, wenn er nicht zu sehen ist, darauf hoffen, dass er bald wieder da sein wird (vgl. Z. 5). Zudem suggeriert die Zeile „Und mit ihrem Wasser werden sie der Knospe Durst stillen“ (Z. 7), dass der Mensch die dunklen Zeiten ebenfalls braucht, um zu wachsen, um aufzublühen, im kommenden Frühling, wenn der Funken wieder erscheint.

Das gibt diesen dunklen Zeiten einen Sinn und eine Grund, sie durchzustehen. Denn, wie der Kreislauf des Lebens, der Jahreszeiten, hat alles sowohl angenehme, als auch unangenehme Abschnitte. Die Kunst ist, beide Seiten schätzen zu lernen.

Auch hier wird die „Zuversicht“ als Licht am Himmel, als Stern, dargestellt (vgl. Z. 11f.). Jedoch bezieht sich dieses Werk intensiv auf das Innere, die Psyche. Schlingen, die den Glauben nehmen, Dickicht, welches vom Weg abbringt, Wurzeln, die den Blick zu Boden richten. Die Motive der ersten Strophe klingen nach einem Wald: dunkel und dicht, in dem es ein Leichtes wäre, sich zu verirren. Ein Wald, der mit seinen Bäumen das Sonnenlicht abschneidet und dessen Kälte und Geruch Gänsehaut und Unbehagen verursachen. Diese erste Strophe stellt dar, wie man sich in diesen einsamen und – ja tatsächlich temperaturbedingt – kalten Zeiten in seinen Gedanken verirren kann, wie sie einen letztendlich vom Rest der Welt abschneiden können.

Die zweite Strophe, die nach der ersten Strophe „Sicht“ mit „Zuversicht“ beginnt, beschreibt den Weg aus jenen Fängen der Dunkelheit. Eine Macht, fast vergessen, also bekannt aus früheren Zeiten, durchdringt das Dickicht und führt aus dem Dunklen heraus (vgl. Z. 9ff.). Die Macht wird als Stern, als Licht bezeichnet, welches einsam, individuell am Himmel steht und dem Menschen Licht im dunklen Wald bietet. Beide Autoren setzen sich mit dem Thema Hoffnung auf unterschiedliche Arten auseinander. Aussage der Gedichte ist, dass es schwere Zeiten sind, dass weitere schwere Zeiten vor uns liegen, dass man sie jedoch durchstehen kann und muss, um Hoffnung zu verspüren.

Alle besprochenen Gedichte stammen von der Instagram-Seite @mariengymnasium_schreibt, dieser Artikel bezog sich bisher auf dort veröffentlichte Lyrik. Jedoch wurde vor kurzem ein Album von einigen jungen Menschen released, welches ein Lebensgefühl ausdrückt, das uns gerade so sehr fehlt.

Das Album namens Sounds of a Lost Summer fasst 7 Tracks, instrumental, mit einer Rhythmik, die sowohl tanzbar, als auch träumerisch ist. Boyz are Toyz nennen sich die Musiker, ihr Album kann man auf Soundcloud anhören.

Die Housebeats auf „Teenage Fantasy“ zeugen, wie allem voran der Albumtitel, von einer Nostalgie an das, was hätte sein können. Eine Frauenstimme hallt im Hintergrund, lacht, es klingt wie eine Nacht in einer fremden Stadt, die alle Möglichkeiten offen lässt. Denn davon träumen wir.

Nicht alle auf die gleiche Weise, aber wir alle träumen von den Dingen, die in letzter Zeit nicht möglich oder verboten waren. Verboten aus guten Zwecken, aus solidarischen Motiven, nachvollziehbar. Und doch fanden, trotz Verbot, Raves in Großstadtparks statt. Das tun Menschen nicht aus fehlender Solidarität, sondern aus Wehmut und Verzweiflung. Man kann Feiern als unnötige Freizeitbeschäftigung bezeichnen, als Zeitverschwendung und Gefühlsüberladung, aber was dabei nicht berücksichtigt wird, ist das Ventil, das es bietet. Abstand vom Alltag nehmen, Stress abschütteln und frei sein. Außerdem herrscht dort Akzeptanz, Menschen mit demselben Anliegen treffen sich dort. Diese Akzeptanz fehlt eventuell im sonstigen Alltag. So sind diese Partys zwar nichts Gutes, aber sehr gut nachvollziehbar.

„Surfin’ through the night“ beendet das Album mit weichen Bässen und einem reduzierten Synthesizer, trance-artiger Sound mit Tönen im legato. Es klingt wie ein Versprechen, dass die Momente, die man vermisst, wiederkehren werden. Autofahren durch warme Luft, zum Strand und dort bleiben, bis es dunkel wird.

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