Inventur 2020

Warum Lyrik heute wichtiger ist als nie zuvor.
Mit Beiträgen aus der Q2

von Jonas Evers (Q2)

Machen wir uns nichts vor. Kein Schüler der Mittel- oder gar Unterstufe versteht, warum es gerade jetzt sinnvoll ist, ein Gedicht zu analysieren. Es scheint gerade zu bizarr, unwichtig, sich in die Gedankenwelt Goethes hineinzuversetzen, dessen Figuren und das lyrische Ich zu charakterisieren. An der Tafel wird derweil die Liste von Adjektiven länger. Immer sind sie aufgeklärt.

Illustration: Kia Bu (Q1)

„Inventur“ von Günter Eich ist eines dieser Gedichte, das extra für den Deutschkurs geschrieben wurde. Sperrig, irgendwie nichtssagend, 1948 verfasst, also wahrscheinlich was mit Nationalsozialismus. Liest man die Verse jedoch einmal aufmerksam, wird schnell klar, dass das hier anders ist. Und es geht auch nicht um Nationalsozialismus.

Günter Eich: Inventur (1948)

Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.

Eichs Sprache unterscheidet sich von den meisten anderen Gedichten in der Kürze. Er tauscht ausladende, wortgewaltige und bildliche Konstruktionen gegen einen alltägliches, gar sachliches Jargon. Reime sucht man vergeblich. Seine Sätze sind klar und kurz, die Monotonie in den Wiederholungen entwaffnet uns. Das Gedicht ist eine Aufzählung, eine Inventur eben. Eine Bestandsaufnahme, der Ist-Zustand.

Diese Art von Lyrik wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt. Sie ist zumindest insofern bildlich, als dass die kompensierte, zertrümmerte Sprache auch den Zustand Deutschlands Ende der 1940er und Anfang der 1950er widerspiegelt. Die Autoren der „Trümmerliteratur“ sind vom Krieg tief gezeichnet, meist in Gefangenenlagern oder gerade heimgekehrt. Eichs „Inventur“ ist also zutiefst zeitdiagnostisch. Der Leser bekommt nicht nur einen Einblick in die Besitztümer des lyrischen Ichs, sondern in dessen Lebensrealität seiner Gegenwart. In dessen Lifestyle.

Das Medium des Gedichts eignet sich (zusammen mit Musik) wie kein anderes, Einblick in die Entstehungszeit des Texts zu gewinnen. Lyrik ist immer im Kontext der Zeit zu interpretieren, das bekommen Schüler mindestens einmal die Woche zu hören. Schließlich schreiben Autoren heute meist anders als vor 100 oder gar 200 Jahren. Deshalb ist Lyrik so wichtig. Es geht eben nicht nur um Inhalt, sondern auch um Art und Weise, etwas herüber zu bringen. Doch es geht noch weiter.

Vier Schüler des Q2 Deutschkurses de3 (ALEX) haben es gewagt, in Form eines Parallelgedichts zu Eich ihren Lifestyle darzustellen. Was gehört im Jahr 2020 in eine Bestandsaufnahme, in die Inventur unserer Leben?

Inventur 2020

Dies ist mein Sofa
dies mein Regal
hier in der Ecke
steht mein Bett

Kleiderschrank:
meine T-Shirts, meine
Jeans, alles schön
gestapelt

Auch Blusen
und Kleider
befinden sich
dort drin

Im Regal sind
Fotoalben
und einiges, was ich
niemand verrate

Diese stützen
die Erinnerungen in meinem Kopf
Der Zettel hier liegt
zwischen mir und der Mappe

Die elektronischen
Geräte sind hilfreich
Tags über nutze ich sie,
die nachts ich wieder auflade.

Dies ist mein Rucksack
dies mein Portemonnaie
dies mein Block
dies meine Federtasche

Gibt es nicht Wichtigeres, als die Gegenstände im Zimmer eines Jugendlichen? Wenig im Gedicht ist überraschend, wahrscheinlich haben die meisten es sogar nur überflogen. Zynische Stimmen sagen, dass es falsch oder kontraproduktiv sei, der Lyrik einen übergroßen Platz einzuräumen. Welche Rolle spielt sie schon.

In diesen 20ern ist Information von zentraler Bedeutung. Wenn man etwas zu sagen hat, tut man es meist nicht lyrisch. Niemand macht sich bei Notizen auf dem Collegeblock, in Aufgabe 2 auf Seite 140 oder einer Nachricht in der Klassengruppe Gedanken um Metrum, Stilmittel oder Reimschema. Die Informativität allen textlichen Outputs steigt um uns herum. Die Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer, Informationen müssen schnell verarbeitet werden, viel Content füllt wenig Zeit. Die Tagesschau gibt es jetzt in 100 Sekunden, TikToks haben maximal 60 Sekunden, Tweets dürfen nur 280 Zeichen haben. Der Instafeed bewegt sich schneller, schneller, schneller. Der Großteil der Leser dieses Artikels wird dieses zweite Gedicht schon nicht mehr lesen.

Inventur 2020

Dies ist meine Cap
dies ist mein Hoodie
dies ist mein Smartphone
In der Tasche der Jeans.

Smartphone:
Mein Telefon, mein Wecker
geschützt von der Hülle
entsperrt durch Fingerprint

Und das größte Geheimnis:
Das Passwort,
welches keiner erfährt
bis auf meine Freunde

Im Schulrucksack sind
Bücher und Stifte,
und einiges, was ich
niemand verrate

Denn auch wenn ich
mir so einiges merke so passt nicht alles in meinem Kopf
die Schulbank hier liegt
zwischen mir und meinem Berufsleben

Den Autoschlüssel
trag ich behutsam
Tags bringt er mich zur Schule,
die nachts ich im Schlaf vergess‘

Dies ist mein Zuhaus
dies ist mein Dorf
dies ist meine Region
dies ist mein Leben

Smartphones haben in allen der fünf Gedichte ihren verdienten Platz. Jeder der Autoren zählt das Handy zu den wichtigsten persönlichen Gegenständen.

Obwohl es von uns verlangt wird, immer kompakteren Content in immer weniger Zeit zu konsumieren, sinkt unsere Fähigkeit, Informationen richtig einzuordnen. Immer mehr wird bedingungslos hingenommen, ohne es zu hinterfragen. Dass der pastellene Schriftzug auf dem Facebook-Post oder in der Snapchat-Story lediglich von der Wahrheit „inspiriert“ (oder noch schwieriger: die Wahrheit durch einen Bias verzerrt) wurde, wird häufig gar nicht erwogen. Schließlich kennt man die Person hinter dem Profilbild. Zumindest über Ecken. Von Früher. Vielleicht.

Das ist nicht nur äußerst tragisch, sondern eigentlich überraschend. Wenn man im Geschichtsunterricht eine Quelle behandelt, wird, bevor man überhaupt anfängt, sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, Adressat, Intention und Glaubwürdigkeit beurteilt. Diese Quellenkritik geht jeder Oberstufenklausur voraus. Warum aber machen wir das nur in Geschichte? Es ist wahrscheinlich, dass, wenn Historiker in der Zukunft über die heutige Zeit schreiben, sie Artikel, Tweets und Bilder ausgiebig auseinander nehmen, wie wir es auch immer wieder tun.

Inventur 2020

Dies ist mein Fotobuch
dies meine Bilder
hier mein Stift
daneben die Fotoecken

Kuschelbär:
mein Zuhörer, mein Beschützer,
sitzt hier und da,
mir immer nah

Im Kleiderschrank sind
die Pullover
und einiges, was ich
niemand verrate

sonst mache ich mir zu viele Gedanken
und es platzt mein Kopf.
Das Handy hier liegt
zwischen mir und den Fotos

Die Kette
ist mein wertvollstes Stück
Tags ich trage,
die nachts ich ablege

Dies ist mein Block
dies meine Vorschriften
dies meine Briefe
dies meine kleine, heile Welt

Tritt man einen Schritt zurück, wird schnell klar, dass die Lyrik eigentlich perfekt in unsere Zeit passt. Schon im Wort „Gedicht“ steckt „dicht“. Zentrales Merkmal eines Gedichts ist doch die komprimierte Sprache. Gedichte sind oft kurz. Sie bestehen dann nur aus ein paar Versen und lassen sich meist problemlos in 100 oder 60 Sekunden lesen.

Entgegen eines TikToks sind Gedichte allerdings wie Badebomben, die, einmal losgelassen, eine ganze Wanne mit Farbe füllen. Dadurch, dass sie so dicht geschrieben sind, lässt sich eigentlich nach jeder Strophe eine Inhaltsangabe schreiben. Jeder Vers, manchmal sogar jedes Wort hat eine eigene Bedeutung und trägt meist irgendwie dazu bei, den Leser in eine Richtung der Interpretation zu lenken. Diese Interpretation zu erkennen, ist jedoch nicht immer ganz einfach. Generell schleicht sich langsam die Erkenntnis an, dass die Fähigkeit, lyrische Texte zu interpretieren, schwindet.

Doch es kommt dicker: Wie bereits zuvor erwähnt, werden auch andere Medien der Moderne heute von uns nicht richtig interpretiert. Weil wir es nicht mehr können. Deshalb ist Lyrik so wichtig. Sie trainiert uns darin, richtig zu interpretieren, sie lässt uns die Schönheit und Wichtigkeit im geschriebenen Wort wieder erkennen. Sie hilft uns ganz konkret, in das Innere von unseren Mitmenschen zu blicken – und das, ohne dass wir es merken. Die Gabe, durch Texte hindurch den Autor zu erblicken und dessen Intentionen und Emotionen zu bestimmen, ist heutzutage wertvoller als je zuvor.

Inventur 2020

Dies ist mein Handy
dies mein Profil
hier ist mein Barcode
folge mir hier

Instagram:
meine Augen
und Ohren,
der sprechende Mund

Whatsapp öffne ich
nur noch mit gutem
Grund. Storys bestehen
nur noch aus MadeMyDay Quotes.

Im Notizbuch sind
ein paar lyrische Unikate
und einiges, was ich
niemand verrate

So dient es als Zuflucht
des zu vollen Kopfs.
Der Himmel hier liegt
zwischen mir und der Dropbox

Den Inkognitomodus
lieb‘ ich am meisten
Tags über Tabs öffnen,
die nachts ich wegstreiche

Dies ist das Impressum
dies mein Verlauf
dies die Datenschutzbestimmungen
dies ein In-App-Kauf.

Laut Wikipedia ist Lyrik die Dichtung in Versform. Formgebende Verse und Strophen machen diese Literaturgattung aus. Eich hält sich an diese Vorgabe. Sein Gedicht ist in sieben etwa gleichmäßige Strophen à vier Verse gegliedert. Seine Sprache: einfach, reduziert und komprimiert auf das Wesentliche.

Sind die Ziele eines Gedichts nicht die gleichen wie die unserer Gesellschaft? Ist nicht Informationsdichte das oberste Gebot heutzutage? Und wird durch die Lyrik nicht auch immer eine Zeitdiagnose gestellt?

Was ist also, wenn wir fortan auch Tweets, Posts und Captions als Lyrik verstehen? Würden wir uns dann bei der Interpretation der Information genau so viel Mühe geben, wie bei Goethe? Blocktexte werden so zu Strophen, Emojis sind Stilmittel. Wenn wir etwas von jemandem hören, würden wir zuerst über die Person und dessen Intention nachdenken, bevor wir uns dem Inhalt widmeten. Die Lyrik wäre neu erfunden. Nur ist es nicht an den zukünftigen Deutsch-LKs, ihre Inhalte und Autoren zu analysieren und interpretieren, sondern an uns…

Inventur 2020

Dies ist das Internet,
dies mein Device,
hier beginnt das deepweb,
das digitale Reich.

Chat:
Mein Sticker,
meine Emojis,
sie schreibt mir ’nen Text

Verfasst mit
Autokorrektur und
Wortvorschlägen,
spontan auf Whatsapp.

In der iCloud sind
die Nummern meiner Kreditkarte
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient sie als
Angelpunkt meines Lebens
Versuche mich abzumelden.
Vergebens.

Die Shitstorms
lieb ich am meisten:
Bots, die andere Bots
auf Twitter zerreißen.

Dies sind die goldenen Zwanziger,
dies mein Gerät,
dies sind der Bildschirm und ich,
auf immer verwebt.

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