Bangkok – Berlin – Tokyo

Weltweit ein tiefer Einschnitt Die neue Corona-Realität von Schülern

von Jonas Evers (Q1)

Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch den Großstadtdschungel. An jedem anderen Tag würde sich Melissa jetzt auf den Weg in die Schule machen. Zurzeit läuft allerdings niemand durch die Hochhäuserschluchten und den Smog Bangkoks (Thailand). Weder vor Tokyo, Berlin oder Bangkok macht das Coronavirus halt. Kaum jemand ist nicht irgendwie betroffen. Besonders hat sich allerdings der Alltag einer Menschengruppe verändert: von uns – den Gesichtern von Morgen, den Schülern.

Jonas im Online-Interview mit Gesprächspartner in aller Welt; Foto: Jonas Evers

Normalerweise würde sie schon kurz nach sechs aufstehen, um sich für die Schule fertig zu machen, erzählt mir Melissa im Gespräch. Wie in Bangkok üblich, würde sie eigentlich fast den ganzen Tag in der Schule verbringen. Später, holt sie aus, möchte sie einmal Tennisspielerin werden, deshalb trainiert sie normalerweise jeden Tag nach der Schule. Selbst am Wochenende steht sie sonst den ganzen Tag auf dem Platz. Das alles fällt jetzt weg, das fehlt ihr sehr. Ihre Trainer senden ihr nun Workout-Pläne in Videoform. Natürlich muss auch sie ein Video zurückschicken, um „zu beweisen, dass man’s auch gemacht hat”. Sie schmunzelt.

Schon vor der Coronakrise hat sich Melissas Schule eine digitale Infrastruktur aufgebaut, deswegen sind Video-Unterricht und Klassen-Chats keine Neuheiten für sie. Trotzdem, das betont sie, würde sie in einem echten Klassenzimmer vermutlich mehr lernen. Zuhause muss man selbst die Verantwortung tragen, alles zu verstehen und mit zu kommen, man kann nicht schnell mal eben einen Lehrer fragen.

Ganz ähnlich geht es Shuko. Auch sie gibt an, in der Schule produktiver zu sein. Die siebzehnjährige High School-Schülerin aus Tokyo fühlt sich zuhause eingesperrt. Sie vermisst es, sich mit ihren Freunden zu treffen und langweilt sich. Auch ihre Schule hatte bereits breitflächig iPads in Benutzung, mit denen die Schüler/innen nun von zuhause aus kollaborativ arbeiten. Wegen der Nähe zu China sind die Corona-Maßnahmen der Regierung schon lange in Kraft, und einige Jugendliche aus ihrem Umfeld beginnen wieder, sich unerlaubt zu treffen, erzählt sie mit Sorge. Sie selbst hält die Beschränkungen aber für angebracht.

Wenn Melissa und Shuko auf der einen Seite des Globus aufstehen, ist bei Nikolai in Dänemark schon der halbe Tag am College vorbei. Der neunzehnjährige Student lebt eigentlich auf dem Campus seiner Hochschule. Als es hieß, alle müssten kurzfristig nach Hause ziehen, konnte er zum Glück bei seiner Freundin Unterschlupf finden. Trotzdem hat sich sein Alltag nicht drastisch geändert, erzählt er. Seine Kurse und Vorlesungen finden zu den gewohnten Zeiten statt, nur digital. Es fühlt sich anders an, sich nicht wirklich in einem Klassenraum zu sehen, sondern nur auf einem Computer in Microsoft Teams, und er vermisst seine Freunde. Langeweile ist ein großes Thema, gibt Nikolai zu; trotzdem fühlt er sich zuhause deutlich produktiver. Die täglichen Aufgaben müssen um 15:45 fertig sein, und es ist ihm überlassen, wann er welche Aufgaben bearbeitet. Das Studieren macht ihm großen Spaß, besonders im Vergleich zur High School in den USA, die er vorher besucht hat. In seinem Studiengang wird vieles spielerisch gelernt mithilfe von Videospielen und digitalen Medien.

Hannah aus Michigan, USA, besucht die High School und schließt sich Nikolai an. Zuhause schafft sie es, sich mehr zu konzentrieren und wird weniger von ihren Mitschülern abgelenkt. Von Frontalunterricht hält sie nicht so viel, häufig muss auf jeden eingegangen werden, und es dauert ewig, bis alle es verstanden haben. Der Lehrer sollte lieber das Grundsätzliche erklären und dann in einer Arbeitsphase individuell helfen.

An ihrer High School in Port Huron gibt es viele, die auf das tägliche kostenlose Schulessen angewiesen sind, erzählt mir Hannah. Deshalb gibt es das „meet up and eat up” Programm, mit dem die Schule versucht, unter möglichst wenig Kontakt, Essen an die Bedürftigen zu verteilen. Täglich gibt es neue Informationen von der Regierung, die Hannah nur halb-interessiert verfolgt. Sie erzählt, dass es in Michigan sehr zugespitzte Verhältnisse gibt. Die Existenz vieler Menschen hängt einzig und allein von ihrem Job ab und es gibt kaum Rücklagen. Das macht alle sehr anfällig für Krisen jeglicher Art. Die USA werden eine Rezession erleben, vielleicht größer als die „Great Depression”. Sie denkt, dass die US-Regierung in dieser Situation falsch reagiert, leere Versprechen macht und von Geldern spricht, die niemandem außer den Politikern selbst helfen. Das Gespräch mit Hannah habe ich am 6. April geführt. Hannah sollte mit ihrer Prognose Recht behalten.

Zurück nach Deutschland.

Irgendwo zwischen Augsburg und München fährt eine einsame Regionalbahn von Dorf zu Dorf. Jonas ist siebzehn Jahre alt und besucht die Realschule. Die Regionalbahn fährt ihn eigentlich jeden Tag um viertel vor sechs in die nächstgrößere Stadt, wo er bis kurz vor ein Uhr in der Schule sitzt. Jetzt sitzt er zuhause, hebt er an, die Situation sei häufig angespannt, wenn die ganze Familie aufeinander hockt. Er merkt, wie das Sozialverhalten leidet, auch weil er jeden Tag gegen die selben Wände und in die selben Gesichter blicken muss. Er vermisst es, sich mit seinen Freunden zu treffen und zu arbeiten.

Als die Coronakrise näher kam, war Jonas’ Schule vorbereitet. Wie an so vielen Orten, gab und gibt es ein schulinternes System, mebis, das allerdings häufig ausfällt. Die Aufgaben, die über das System gestellt werden, müssen allerdings nicht abgegeben werden, das heißt, einige machen die Aufgaben erst gar nicht. Deshalb antwortet mir Jonas auf die Frage, ob er zuhause oder in der Schule produktiver sei, zwiegespalten. Wenn man will, könne man zuhause sehr viel schaffen, gibt er zu. In der Schule sind sowohl Lehrer als auch Schüler oft demotiviert und können beim Lernen stören. Trotzdem kann es gut sein, die Schule auch physisch zu besuchen, denn verschiedene Methoden, Materialien und Herangehensweisen helfen ihm schneller, Dinge zu verstehen. Vielleicht könnte man das kombinieren, schlägt Jonas vor, also einen Tag der Woche zuhause verbringen zu können, um dort im eigenen Tempo zu lernen. In all dem Trubel wurden sich in Bayern nur Gedanken um die Abiturienten gemacht, erzählt er mir. Realschüler hätten jetzt ihre Abschlussprüfungen gehabt, aber die fallen erst einmal auf unbestimmte Zeit aus, was alle in ihrer Entwicklung bremst. Das nervt ihn.

Eine Abiturientin ist Paula, 17, aus Berlin. Ihren Tagesablauf hat sie sich bewusst angepasst. Normalerweise beginnt der Berliner Schultag um 8 Uhr. Eine halbe Stunde reicht für sie, um sich fertig zu machen und ein paar Blocks zur Schule zu laufen. Ihre normale Zeit, aufzustehen versucht sie beizubehalten. Danach wird der Tag vor allem nach Produktivität ausgerichtet. „Anders ist die Menge an Aufgaben, die wir jeden Tag bekommen, nicht zu schaffen”, gibt Paula an. Zuhause schafft sie viel mehr als in der Schule. Man ist konzentrations- und leistungsfähiger zuhause, sagt sie, und man kann sich bewusst mehr Zeit für bestimmte Dinge im Alltag nehmen, zum Beispiel für ein gemeinsames Mittagessen mit der Familie, das vorher nicht möglich gewesen sei. Ihr Gymnasium hatte vor der Krise fast gar keine digitale Infrastruktur, lediglich ein paar E-Mail-Gruppen. Nun wird Wired genutzt, ein Messangerdienst, in dem jeder Kurs eine Gruppe hat, in der sich jede Schülerin und jeder Schüler mit ihren Lehrern austauschen können.

Auch Moritz aus Chemnitz passt sich seinen neuen Alltag nach seinen Wünschen an. Wo normalerweise gegen fünf aufgestanden wird, kann Moritz nun bis 12 Uhr schlafen. Dafür bleibt der Sechzehnjährige häufig bis in die Morgenstunden wach, um seine Aufgaben zu erledigen. Über einen Online-Server (Pydio) werden Aufgaben gestellt, die die Kurse mit wechselndem Engagement bearbeiten. Was Moritz jedoch am meisten fehlt, ist das politische Engagement in seiner Freizeit. Er besucht regelmäßig Plenarsitzungen, engagiert sich bei den Jusos, Antifa und Fridays For Future. Viele dieser Sitzungen können nicht online abgehalten werden, das wurmt ihn sehr. Die Maßnahmen der deutschen Regierung hält er für richtig und befürwortet, dass in dieser Zeit der Fokus wieder mehr auf der Wissenschaft liegt. Alle müssen sich nun mit dieser neuen Situation arrangieren und sich an die Vorgaben halten, dazu ruft Moritz auf.

Tatsächlich müssen sich Schüler/innen auf der ganzen Welt an eine neue Realität anpassen. Sei es bei Shuko in Tokyo, Hannah in Port Huron oder Paula in Berlin, im Leben der Schüler/innen findet aktuell ein tiefer Einschnitt statt – und zwar weltweit.

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