Zwischen Knöchel und Wade

Damenmode im Deutschen Reich 1910–1925

von Hannah-Sophie Siebels (Kl. 6)

Vor dem Ersten Weltkrieg kleideten sich deutsche Frauen gerne in sogenannte Kostüme von französischen Designern wie Paul Poiret (1879–1944). Nicht mehr ganz so formell wie im 19. Jahrhundert trug man für abendliche Ereignisse stolz lange Perlenketten zu den sehr eleganten Kleidern, dazu Federn in allen Größen oder Brokatschmuck. Erstmals kam Abendmode ohne ein beengendes Korsett aus. Piorets Stil zeichnete sich durch Stickereien und Ausschmückungen des Dekolletés aus, welche den Männern grandiose Ausblicke ermöglichten, die charakteristisch für diese Mode waren. So orientierten sich die deutschen Frauen vor 1914 nahezu durchgehend an ihren französischen Nachbarinnen.

Im ersten Kriegsjahr 1914 machte die dänische Schauspielerin Asta Nielsen (1879–1972)  den sogenannten „Bubikopf“ – eine damals als geschmacklos geltende Frisur – salonfähig. Die französische Modeschöpferin Coco Chanel hatte ihn erfunden und wurde durch Nielsens „Werbung“ selbst berühmt. Es dauerte jedoch noch ein paar Jahre, bis sich die Frisur durchsetzte.

Junge Frau mit Bubikopf, 1920er-Jahre; Foto: commons.wikimedia.org

Im Gegensatz zu ihrem Kollegen Poiret war Chanels ganze Modelinie bequem, Beinbekleidung hatte immer knappe Wadenlänge, und zum Rock gehörte notwendig immer eine Jacke. Ihr größter Erfolg war das Parfüm „Chanel Nr.5“. Im gleichen Jahr ließ sich die Amerikanerin Mary Phleps Jacob (1891–1970) den „Büstenhalter“ patentieren und revolutionierte damit die Welt der Unterwäsche.

Tanzen war in den Jahren des Ersten Weltkriegs (1914–1918) sehr populär und hatte auch starken Einfluss auf die Modegeschichte. Dieser Bewegungsdrang führte dazu, dass Frauen aufhörten Schmuck und aufwändige Kleider zu tragen. Die Kleidung wurde viel lässiger, auch in Theatern und Abendlokalen. Bürgerliche Frauen begannen sich auch mehr sozial zu engagieren, so vermischte sich ihr Kleidungsstil mit dem anderer Schichten. Die sozialen Barrieren innerhalb der deutschen Gesellschaft wurden durchlässiger, und die daraus resultierenden lockereren Verhaltensformen führten dazu, dass viele Frauen kurze, doppellagige Röcke trugen. Ein klassenübergreifender Modestil entstand, der aber auf der anderen Seite auch immer einheitlicher wurde.

Während des Krieges verschwanden die hellen Farbtöne, und eher dunkle und gedeckte Farben hielten Einzug in die deutsche Frauenkleidung, was seinen Ursprung in der Trauer um die Millionen Gefallenen des Krieges hatte (vgl. https://www.tagesspiegel.de/kultur/ausstellung-krieg-und-kleider-in-berlin-wie-der-erste-weltkrieg-die-mode-praegte/11118766.html). In dieser Zeit verschwand auch der kurze, wadenlange Rock – er musste anstandshalber nun wieder knöchellang sein.

Als nach Revolution und Inflation die „Goldenen Zwanziger“ endlich mehr Sicherheit versprachen, legte die Damenmode Wert auf die Wirkung von Accessoires. Deshalb war die „endlose“ Zigarettenspitze (eine lange Hülse zwischen Zigarette und Lippen des Rauchers) sehr beliebt. Zum Abendlook, besonders in der Hauptstadt Berlin, gehörten nun wieder Perlenketten; neu waren Boas (langer Schals), Stirnbänder und Handtaschen. Der Bubikopf löste, gegen den hartnäckigen Widerstand der Elterngeneration, endlich die Schnecke mit Haarnadel ab und setzte sich landesweit durch. Die deutsche Damenkleidung war nun selbst zum Orientierungspunkt für Frauen anderer Nationen geworden.

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