Pearl Harbor

Wie Geschichte verändert wird

von Jonas Evers (Kl. 11, ALJ)

Illustration: Amelie Gerdes (THE ART-TEAM), Kl. 9

Pearl Harbor – der Name einer Bucht im Süden der hawaiianischen Insel O’ahu. Das Japanische Kaiserreich plant eine Überraschungsattacke auf die dortige Militärbasis der USA. Am Morgen des 7. Dezembers 1941 hört man Explosionen, Lärm von Bombern und Kanonen. Der Angriff trifft die unvorbereiteten Amerikaner, für die Krieg an diesem abgelegenen Ort, mitten im Pazifik, ungefähr so wahrscheinlich schien, wie weiße Weihnachten, hart – bis heute der größte Verlust in einer Schlacht, den die Amerikaner je beklagen mussten. Elf Schiffe, die im Hafen stationiert sind, sinken. Fast alle Flugzeuge und der Flughafen auf Ford Island werden zerstört. Nur ein paar einzelne Jets der Amerikaner schaffen es in die Luft. Sofort treffen sie auf dutzende japanische Flugzeuge.

The battle of Pearl Harbor“ markiert nicht nur den Einstieg der USA in den Zweiten Weltkrieg, sondern ist auch heute noch fest verankert in den Köpfen der Amerikaner – „Remember Pearl Harbor“.

Denkmal auf der gesunkenen USS Arizona. Noch immer liegt das gesunkene Schiff (teilweise zu erkennen vor dem Monument) auf dem Grund der Bucht; Foto: Jonas Evers

Denkmal auf der gesunkenen USS Arizona. Noch immer liegt das gesunkene Schiff (teilweise zu erkennen vor dem Denkmal) auf dem Grund der Bucht; Foto: Jonas Evers

Der Campus um Pearl Harbor, der heute eine Gedenkstätte ist, erscheint auf den ersten Blick unscheinbar. Noch immer sind hier etwa 1800 Männer und Frauen stationiert, weshalb man beim Eintritt strengen Sicherheitskontrollen unterliegt. Bis auf das auffällige weiße Gebäude über der USS Arizona gibt es keine großen, weiteren Bebauungen – das Denkmal ist tatsächlich auf dem gesunkenen Schiff erbaut worden. Was allerdings auffällt, ist die Art und Weise, wie mit der Attacke umgegangen wird.

Entlang der Küstenlinie wird die Geschichte auf großen Tafeln erzählt, vor denen sich heute Gruppen von Menschen versammeln. Der genaue Ablauf des Angriffs und die Folgen werden nicht in originaler Reihenfolge und Ablauf erzählt. Schnell wird klar, dass hier aus einer Sicht erzählt wird, die zwar nicht zwangsweise wertend ist, aber auch nicht objektiv genug, um einen Blick auf das große Ganze zuzulassen. Hier in Pearl Harbor scheint darüber Konsens zu herrschen, dass die Gedenkstätte, wie sie steht, einen klaren Blick auf die Ereignisse dieser Nacht wirft. Doch ist die Weise, wie wir Geschichte gelehrt bekommen, nicht schon entscheidend dafür, wie wir sie aufnehmen?

Auf der Tafel “A Lasting Legacy” wird den Japanern motivgeleitetes Handeln vorgeworfen. „Japan hoffte, dass die Attacke die Vereinigten Staaten demoralisieren würde. Stattdessen hat es die Nation vereinigt, die Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg eintreten lassen, fest entschlossen, ihn zu gewinnen.“

Eine Tafel beschreibt die Auswirkungen, die Pearl Harbor auf die USA hatte; Foto: Jonas Evers

Den Fakt, dass die Regierung der USA nur auf einen Grund gewartet hat, in den Krieg einzugreifen, und Hawaii zur Zeit des Angriffs offiziell nicht einmal zu den USA gehört hat, wird weder auf diesem Schild, noch irgendwo anders erwähnt. Stattdessen wird der Teil Amerikas in den Vordergrund gestellt, der den Krieg nicht hatte kommen sehen, der unschuldig daran gewesen war.

Für unschuldig erklärt werden auch die Menschen, die der Attacke auf Pearl Harbor zum Opfer gefallen sind. Soldaten und vor allem Generäle werden mit den etlichen Tafeln, die ihre Namen tragen, gefeiert wie Helden. Immer wieder kommen Menschen zu den Denkmählern, allein deswegen. Neben einem Denkmal der Gefallenen geben zwei Augenzeugen Unterschriften. Vor zwei großen Tischen voller Bücher, Schildern und Flyer hat sich dazu eine lange Schlange gebildet. Die beiden Veteranen strecken gebrechlich die Hände aus, um von ihren Erlebnissen zu erzählen oder in Buchdeckel zu schreiben.

Seinen Respekt und seine Anteilname gegenüber Kriegsgefallenen auszudrücken, ist in den USA keine Seltenheit. Ob der Kult um die Veteranen, Verletzten und Toten, der Opfer eines Kriegs, in den die USA verwickelt waren, das Gedenken überschattet, vermag niemand hier zu sagen, in Pearl Harbor gibt es jedoch mehr Achtung als Gedenken.

Am Ende meines Besuches bleiben einige Fragen offen. Nicht nur darüber, ob die Gedenkstätte Pearl Harbor angemessen mit Pearl Harbor umgeht, sondern auch, wie man ein Ereignis überhaupt vollständig erfassen soll, wenn man nur die Hälfte erzählt bekommt. Wohin führt es, wenn Ehren und Würdigen Gedenken überschattet? Und kann man Geschichte überhaupt vermitteln, ohne eine Wertung vorzunehmen und Meinungsbildung zu beeinflussen?

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