Kein Entkommen!

Eine Kurzgeschichte in drei Teilen

von Chiara Fleßner (Kl. 7)

Illustration: Emily van Hattinga (THE ART-TEAM), Kl. 7

„Nummer 314 aufstehen!“, schrie die gleiche düstere Stimme, die mich jeden Tag weckte. Ich öffnete meine Augen und sah dieselbe graue Decke, die ich bereits 2152 Tage lang anstarre. Auch an diesem Morgen hatte ich keine Motivation aufzustehen. Nach einem Jahr an diesem Ort verfliegt sie, und ich bin schon mehr als fünf hier. „Ich sagte aufstehen!“, schrie der Mann noch einmal und rüttelte an den Gitterstäben meiner Zelle. Ich stand auf. „Sie tun mir leid.“, sagte ich ruhig. Jeden Morgen versuche ich mit Officer Marrow zu reden, nur um mich nicht einsam zu fühlen. „Sie sind jetzt schon so lange hier und wenn ich hier raus komme, sind sie auch noch hier. Sie sind viel länger an diesem schrecklichen Ort als wir, macht ihnen das denn gar nichts aus?“, fragte ich eher provozierend. „Mich wundert‘s dass sie immer noch nicht verrückt geworden sind, Smith!“, antworte er. „Das wird man nur, wenn man schuldig“, sagte ich lächelnd, während ich mich zu meinem Waschbecken drehte und meine Zahnbürste nahm. „Ich kann es ihnen nicht verübeln ihren Mann ermordet zu haben.“, sagte Officer Marrow. Ich wusste, dass er mich nur provozieren wollte, also ging ich nicht drauf ein und er sprach weiter: „Es heißt, sie wollten noch nicht mit 22 heiraten und er hat sie gezwungen, da haben sie ihn umgebracht.“ „Ich habe ihn nicht umgebracht“, sagte ich ganz ruhig. „Wenn sie mich nun raus lassen würden, das Frühstück beginnt gleich und ich hätte gerne einen Platz, der weit weg von den ‚Tempting fires‘ ist!“ Die „Tempting fires“ sind die Gefährlichsten hier. Sie sind eine Gruppe, die sich aus den schlimmsten Gefangenen zusammensetzt, mit denen will man kein Ärger. Officer Marrow öffnete meine Zelle und begleitete mich in die Cafeteria. Sie war voll, abgesehen von einem Tisch, an den ich mich setzte. Alle um mich herum schienen verrückt oder gewalttätig geworden zu sein, mehr noch als vorher. Keiner der hier ist, hat es nicht verdient, abgesehen von mir, deshalb suche ich tagtäglich einen Ausweg. Klar, ich habe schon fast sechs Jahre geschafft, aber ich habe auch noch 15 vor mir.

Ich nahm mein Schinkensandwich und biss ein großes Stück ab, als Maria an mir vorbei lief. Sie sah noch finsterer aus als sonst. Sie hat ihre Schwester angefahren und ist aus Panik weiter gefahren, der Richter hat ihr sechs Jahre gegeben. Vier hat sie bereits hinter sich. „Ally!“ Ich guckte hoch. „Was gibt’s, Maria?“ Sie sah nervös aus. Sie setzte sich und begann zu flüstern: „Ich habe einen Weg hier heraus gefunden, doch ich denke, du kannst ihn besser gebrauchen, denn ich habe es verdient hier zu sein!“ „Zeig mir dein Plan!“ Okay, ich hätte irgendwas Nettes sagen sollen wie „Nein, hast du nicht!“ oder Ähnliches, aber ich wollte einfach nur hier raus. „Ich habe einen Plan angefertigt“, begann Maria, „versuche ihn zu entschlüsseln, dann kommst du frei, aber warte nicht zu lange, er ist perfekt ausgerichtet; machst du alles richtig kommst du heute noch frei. Falls nicht, musst du dich noch eine Woche gedulden müssen.“ Ihr Auge zuckte ein Mal kurz. Dann stand sie auf und lief langsam davon.

„Ihr Verstand muss ordentlich gelitten haben hier drinnen“, dachte ich, während ich mir die Serviette ansah, die sie mir zugesteckt hatte. Auf dieser waren Punkte zu sehen, doch wofür sie stehen, musste ich erst noch heraus finden. Ich steckte die Serviette in meine Jackentasche und machte mich auf den Weg in die Bibliothek. Es machte wenig Sinn die Serviette dort heraus zu holen, da überall Wachleute und Kameras waren, doch vielleicht würde ich ja ein Buch finden, das mir weiter helfen könnte. Hoffentlich.

[Fortsetzung in der nächsten Ausgabe]

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