Es lebe der Nebenschauplatz!

Fridays for Future und das Schimpfen auf die Schulschwänzer

Gastkommentar von Insa Hörnle (VL‘)

Kinder sollen in der Welt der Erwachsenen gefälligst nicht stören! Schülerinnen und Schüler schon gar nicht, sie sollen gehorsam in der Schule bleiben, damit sie später (nach Maria Montessori) in der Welt der Erwachsenen nicht… ups, jetzt tun sie es!

Sie stören uns sowie die von uns gewählten „Profis der Politik“, und sie nerven durch „zivilen Ungehorsam“. Was hilft? Nun, nicht wenige lenken sogleich den Ärger der Öffentlichkeit auf DAS SCHWÄNZEN. Ist es wichtig, dass sich vielleicht vereinzelt Lernende aus einer einzigen Unterrichtsstunde am Freitagvormittag heraus mogeln könnten, um lediglich zu SCHWÄNZEN? Mindert das die Botschaft der jungen Menschen, die da zusammenfassend lautet: Kümmert euch um unsere Zukunft!?

Sicherlich mindert es die Botschaft nicht, und es wäre ein lohnendes Ziel für alle Schimpfenden, sich mit gleichem Enthusiasmus zum Beispiel über Unterrichtsausfall UND mangelnden Klimaschutz aufzuregen, wobei Letzteres zweifelllos existenzieller ist. Wie schon der seit vielen Jahren halbherzig betriebene Klimaschutz, wurde übrigens auch der vorhersehbare Unterrichtsausfall von professionell Entscheidenden vermurkst. Bisher Gleichgültige, Verharmloser oder Getroffene gehen nun zum Teil verbal sehr vehement auf die jungen Demonstranten los. Es ist kaum zu fassen, wie sehr sich Kritiker an der einen geschwänzten Stunde abarbeiten, wobei ihnen die schon zuvor ausgefallenen Wochenstunden nichts auszumachen scheinen.

Sie fordern von den Jugendlichen lauthals „Konzepte“ und „Vorschläge“ ein, also all das, was die Entscheidergenerationen zwischen etwa 30 und etwa 65 in vielen Jahren nicht zustande gebracht haben.

Um es gleich zu sagen: Die jungen Menschen müssen gar nichts vorschlagen. Manche tun es dennoch und, man staune, über 23. 000 Wissenschaftler halten dies für zielführend, stellen sich an die Seite der Jugend und haben außerdem weitere professionelle (!) Vorschläge für die Entscheidender in Politik und Industrie…, wobei Letztere einander erkennbar wenig Schmerzen zufügen wollen, Schmerzen für Machtpositionen und Geldbeutel, der selbstverständlich längst digitalisiert ist.

Wie sonst erklärt sich die auffallende Schonung eines Automobilkonzerns, dessen Untaten trotz absichtlich verkorkster Technologie seiner Produkte für ihn folgenlos bleiben. Weshalb ist eine Entscheiderin so zahm im Umgang mit globalen (und in den USA längst verurteilten) Giftmischern, die ihr Zeug irgendwie weiter versprühen dürfen…, weil… alles ganz harmlos ist. Irgendwie jedenfalls. Vielleicht.

Ich selbst gehöre zu den o.g. Entscheidergenerationen, als Verbraucherin und Wählerin jedenfalls, und ja, auch mir wird gespiegelt, ob ich nicht mehr hätte ändern können als das, was ich als Privatperson mache. Als Lehrerin ist mir die offizielle Linie klar vorgegeben, die ich zu vertreten habe: Unerlaubtes Verlassen des Schulgeländes ist verboten, gleiches gilt für das Fernbleiben vom Unterricht. Beides sind klare Regelverstöße.

Innerhalb der Lehrerschaft wird diskutiert, innerhalb der Schülerschaft auch, und manche bleiben den Demos ausdrücklich fern, weil sie sagen, jeder müsse erst bei sich selbst anfangen, etwas für Umwelt und Klima zu tun, bevor man laut werde. Stimmt, und zwar beides, wie ich finde. Schon jetzt wirken die Aktionen: Aufgeschreckt von Fridays for Future gibt es auf einmal überall viele Diskussionen und ja, auch Vorschläge und Taten.

Peinliche Kuschelzustimmung hingegen erfolgt ausgerechnet aus Kreisen, die definitiv wesentlich verantwortlich dafür sind, dass wirkungsvolle Maßnahmen immer wieder auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben werden. 2030, 2032…, man brauche „Zeit“… Falsch! Man hatte die Zeit. Wir hatten sie. Niemand kann planen, was in über zehn Jahren geschehen wird. Gerade erst haben Vertreter der Klimaschutzorganisationen, aus Politik und Industrie 17 Stunden gebraucht, um äußerst vage und magere Ergebnisse für irgendwann weit in der Zukunft zu verkünden (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/verkehr-in-deutschland-kommission-versagt-bei-klimaschutz-a-1259647.html). Dies beweist einmal mehr, dass junge Menschen laut und störend sein müssen, sie haben das Recht dazu, denn in ihrer Zukunft sind wir tot. SIE müssen unsere Entscheidungen ausbaden und werden nicht gefragt werden. Als Politiklehrerin ist es für mich eine Freude, dass junge Leute endlich wieder politisch und aktiv sind, dass sie ihre Angelegenheiten vertreten und unbequem sind. Und dass sie dies zunehmend mit (in ihrer Freizeit!) gut geplanten Projekten in den Bereichen Müll/Plastikmüll in Schule und Stadt unterfüttern wollen, zeigt mir, dass hier echte Lernprozesse stattfinden. Ich unterstütze das sehr gerne. In meiner Freizeit. Selbstverständlich.

Eine Antwort auf „Es lebe der Nebenschauplatz!“

  1. Der Klimawandel ist das wohl farcettenreichste Beispiel für das Zusammenspiel von Naturwissenschaften, Gesellschaft und Politik unserer Zeit. Ohne Frage, ist jegliche gescheite Auseinandersetzung damit lehrreicher als die meisten Stunden, die ich im Schulunterricht absitzen musste. Ein greifbares Thema, aber kein anschauliches und auch kein einfaches.

    Der Sachverhalt ist komplex aber nicht kompliziert: wir Leben nicht nachhaltig und entfernen uns immer weiter davon. Dies gilt insbesondere global. Daran ändern die (ohnehin vagen) Pariser Klimaziele leider gar nichts, auf die sich die Bewegung mittlerweile beschränkt.
    Nicht mal deren Einhaltung ist abzusehen.

    Es braucht langfristig mehr als ein bisschen weniger CO2 freizusetzen und umweltbewusster zu leben. Ob dies und dessen Konsequenzen jedem bewusst sind?

    Genug des Pessimismus, denn nichts ist mächtiger als eine Idee deren Zeit gekommen ist. Es ist gut, dass sich junge Menschen damit beschäftigen und etwas Aufmerksamkeit erzeugen. Egal zu welcher Zeit.

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