Menschenopfer, Bestattungen und heilige Bräuche

Totenkult bei den Kelten

von Nur Ali (Q1)

Für mich ist keine je dagewesene Kultur so faszinierend und eindrucksvoll, wie die der Kelten. Vor ca. 2000 Jahren hat dieses historische Volk in Form von Grabhügeln, heiligen Plätzen und Hainen von Spanien bis in die Türkei ihre Spuren hinterlassen. Nicht nur Relikte (wie Statuen oder Waffen) und Überbleibsel wie Ruinen zeugen von ihrer einstigen Existenz, sondern auch Märchen und Mythen wie die Geschichte von König Arthur und Merlin. Auch mystische Wesen wie Elfen und Trolle entspringen keltischer Mythologie und alten, im Volksmund weit verbreiteten keltischen Sagen, die noch heute präsent sind.

Die Kelten waren Polytheisten. Sie pflegten vor oder nach Schlachten ihren Göttern Opfergaben darzubringen. Die ausgewählten heiligen Plätze waren meist Höhlen, markante Anhöhen, Berge, Quellen und Gewässer. Haine (Wälder) wurden als „Nemeton“ bezeichnet und diesen Namen trugen auch alle Tempel, die aus Holz oder Fachwerk bestanden. Ein bekannter Ort für Opfergaben war La Tene am Neuenburger See in der Schweiz. Dort wurden Waffen, ganze Streitwagen, prächtige Schilde und Schmuck geopfert, um die Götter gnädig zu stimmen. Sehr gerne wurden auch Tieropferungen an Pferden, Schweinen und Hunden vollzogen. Für das römische Reich waren diese Bräuche und die Kultur der Kelten das Werk von Barbaren. So beschrieb beispielsweise Caesar im Bellum Gallicum die Riten der Kelten. Laut römischer Feldherren sollen die Kelten auch nicht vor Menschenopfer zurückgeschreckt sein. War der Sieg einer Schlacht sicher, so sollen die Kelten ihren Göttern alle aus der Schlacht erbeuteten Lebewesen geopfert haben. Aus anderen Zeugnissen geht hervor, dass es für die verschiedenen Gottheiten bevorzugte Opferungsmethoden gegeben hätte. Beispielsweise soll der Gott Teutates Menschen bevorzugt haben, die kopfüber in einen gefüllten Bottich gesteckt wurden, sodass sie erstickten. Esus hingegen hätte nur Menschen akzeptiert, welche an einen Baum aufgehängt wurden, bis ihre Glieder nur noch als blutige Masse erkennbar gewesen seien. Und Taranis soll ausschließlich zufrieden gestimmt worden sein, wenn seine Menschenopfer in einem hölzernen Behältnis verbrannt wurden.

Soweit die Römer und prominent Gaius Julius Caesar. Viele dieser Schriften sind vermutlich übertrieben und aufgrund der feindlichen Haltung gegenüber den Kelten nicht wirklich zuverlässige Quellen. Einige Bräuche, die wahrlich abenteuerlich klingen, scheinen doch mehr der Fantasie der Römer zu entspringen und nicht dem historischen keltischen Volkes zu entsprechen. Daher versucht man bis heute anhand archäologischer Funde und wissenschaftlicher Analysen die so mysteriösen Kelten in ihrer Struktur und Lebensweise zu rekonstruieren. Die Wissenschaft geht aktuell davon aus, dass von Druiden durchgeführte Menschenopferungen nicht ungewöhnlich waren.

Besonders fasziniert mich jedoch, wie die Kelten mit ihren Kriegern umgegangen sind, wenn sie in Schlachten ihr Leben ließen. Ein beeindruckendes, jedoch gleichzeitig erschreckendes Beispiel bietet die „Wache der kopflosen Krieger.“ Diese Bestattung soll im Nordosten des alten Gallien vollzogen worden sein. Man brachte gefallene Krieger in das Heiligtum Ribemont-sur-Ancre (heute Frankreich). Der Anblick des Massengrabes war sogar für die Römer nicht leicht erträglich, von einem modernen Mitteleuropäer ganz zu schweigen. Eine Palisade sowie ein Graben sollen neugierige Blicke von dem eigentlichen Grab im Inneren fern gehalten haben. Betreten konnte man dieses nur über ein hölzernes Tor. Sobald man hindurch ging, bot sich einem der Anblick von aufgebahrten und aufgehängten Totenschädeln, die den Weg zierten. Ein beißender Geruch der Verwesung überzog den Weg wie ein dichter Nebelschleier. Nach einigen weiteren, heiligen Opferplätzen, gelangte man zu einem hohen Podest, auf welchem etwa 60 Krieger platziert wurden. Es machte den Anschein, als hielten sie Wache – immer noch mit ihren Waffen und Schildern bestückt, welche in ihre kalten Hände gedrückt worden waren, standen sie aufrecht und hielten mahnend ihre Speere gen Himmel. Allesamt enthauptet.

Die Kelten waren in vielerlei Hinsicht einzigartig und ihre Kultur dringt in Form von Sagen und Legenden immer noch zu uns durch. Eine solch fremde Kultur in ihrer Lebensweise zu untersuchen, muss eine hochinteressante Arbeit für Historiker und Archäologen sein.

Quellen:

Heiligtümer und Opferkulte der Kelten, Sonderheft Archäologie in Deutschland, hrsg. von Alfred Haffner, Stuttgart 1995.

 Arnulf Krause: Die Welt der Kelten. Geschichte und Mythos eines rätselhaften Volkes, Frankfurt am Main und New York, 2. Auflage 2007.        

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