Du armes Schwein

Ein persönliches Kocherlebnis

Gastbeitrag vom Herausgeber

Schweinekoteletts mit Bohnen griechischer Art und Reis – das klingt erst mal gar nicht so übel. Es sieht in der Pfanne auch direkt etwas weniger unprofessionell aus als sonst, die Bohnen aus der Dose vermischen sich im Sud des Angebratenen mit einem Schuss Weißwein zu einer wohlduftenden Beilage. Das Fleisch wurde gesalzen und gepfeffert und nicht zu lange gebraten, eigentlich alles richtig gemacht. Und dann der erste Biss in den Hauptgang. Ich denke sofort: Du armes Schwein, warum musstest Du Dein Leben hingegeben für so ein mieses Stück Fleisch?!

Dein Leben war kurz und hart, ich spüre es in jedem schwergängigen, verknorpelten Bissen. Sicher, ich habe Deine Überbleibsel im Discounter gekauft, vier Koteletts für 3,55 Euro. Da kann man wohl nicht mehr erwarten. Aber sollte Dein Tod nicht wenigstens den einen Sinn erfüllen, mich und meine menschliche „Überlegenheit“ nicht nur zu erhalten, sondern mir Freude beim Essen – einer Kultur an sich – zu bereiten? Wofür sonst der Aufwand? Wofür hat man Dir von der Natur nicht vorgesehene Körperteile genetisch angezüchtet, warum Dich in äußerst fragwürdiger Umgebung aufgezogen und warum Dich wie Vieh (natürlich!) industriell geschlachtet? Richtig, um den Verkaufspreis niedrig zu halten. Aber was nützen gut aufzubringende 3,55 Euro, wenn das Ergebnis in der Pfanne wohl Nähr-, aber überhaupt keinen Genusswert bietet? Ich denke an die Sinnlosigkeit der Massentierhaltung in einem Staat des Ernährungsüberflusses wie Deutschland, und ich denke an die herrlichen sonntäglichen Schweinebraten in der Küche meiner Großmutter. Sie ging während des Kochens noch zwischendurch in den Garten und zupfte einige Kräuter zur geschmacklichen Abrundung…

Quelle: Pixabay

Und mir kommt der Gedanke, spät aber zündend, dass selbst eingeschliffenste Routinen irgendwann einmal aufgebrochen werden sollten. Nächstes Mal gehe ich zum Schlachter und denke an all die armen Schweine, die beim Discounter abgegriffen werden.

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