„Vielen Dank für den Unterricht!“

Schule in Japan – eine andere Welt

von Alexander von Finckenstein (Kl. 11, ALJ)


Kann eine Schule überhaupt Spaß machen, wenn man täglich – teilweise auch samstags – erst um 20h Uhr nach Hause kommt, ständig monotonen Frontalunterricht erlebt und Gespräche mit dem Nachbarn kaum möglich sind? Ja, kann es!

Mit Hilfe eines Austauschprogramms lebe ich seit Ende März 2019 in einer Gastfamilie in Japan und gehe auf eine rein japanische Schule. Also, wie läuft so ein Schultag hier auf der anderen Seite des Globus eigentlich ab und was sind die Unterschiede zum deutschen Schulalltag?

Im Gegensatz zu deutschen Lehranstalten fangen japanische Schulen meist erst um 8:30h an, was aber nicht heißt, dass man länger schlafen kann. In Japan ist es nämlich üblich, auf eine entfernte Privatschule zu gehen, bei der die Zugfahrt schon mal eine Stunde dauern kann. Ich stehe meist um 6h auf, frühstücke mit meiner Gastmutter und ziehe meine Schuluniform an. Diese ist tatsächlich an den meisten Schulen Pflicht und eine Art Erkennungszeichen. Sie stärkt auch das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Schülerschaft.

Um 6:50h geht es dann mit dem Zug los. Ich steige drei Mal um, Sitzplätze sind dabei selten verfügbar. Wer die späteren Züge nimmt kann damit rechnen, kaum mehr Platz zum Atmen zu haben. Um 8:00h komme ich dann an meiner Schule an. Diese besteht aus einem Außenbereich und drei Hauptgebäuden. Jedes dieser Gebäude beherbergt einen Jahrgang (10.Klasse, 11. Klasse, 12. Klasse) und jede Klasse hat einen festen Klassenraum, in dem die Schüler ihre Schultaschen und Sportsachen verstauen. Da die Schule seit 6 Uhr geöffnet ist, sitzen einige Schüler bereits im Klassenraum und lernen. Die Tische stehen nicht wie in Deutschland aneinander; die Sitzordnung besteht immer aus Einzeltischen.

Um 8:30h kommt dann der Lehrer und die Schüler stehen auf zur Begrüßung. Wir verbeugen uns vor jeder Stunde und sagen „Onegai shimasu“, was so viel heißt wie „Ich bitte um den Unterricht“. Die Stunden dauern immer 50 Minuten und werden von Pausen á zehn Minuten unterbrochen. Nach der vierten Stunde um halb eins gibt es dann 40 Minuten Mittagspause, in der die Schüler ihre Tische zusammenschieben und gemeinsam ihr Bento (mitgebrachte Mahlzeit) essen. Danach geht es weiter mit drei Stunden Unterricht, insgesamt sieben Stunden täglich. Das Curriculum beinhaltet dabei unter anderem Fächer wie „Japanische Geschichte“, „Weltgeschichte“, Mathe, Englisch, „englische Grammatik“ und „englische Konversation“ (überraschenderweise liegt das Niveau im Fach „englische Grammatik“ viel höher als in „englische Konversation“; anscheinend haben die Japaner eher Schwierigkeiten mit dem Sprechen), Sport, Geographie und klassisches Japanisch.

Auch wenn an einigen öffentlichen Schulen in Japan Schlafen im Unterricht normal ist, so ist es doch vor allem an Privatschulen wie meiner eher unerwünscht und nur die wenigsten wagen es.

In Japan ist Respekt ein wichtiger Teil der Kultur, was sich überall bemerkbar macht. So stehen die Schüler nach einer Unterrichtseinheit auf, verbeugen sich und sagen „Arigatou gozaimashita“ – „Vielen Dank für den Unterricht“!  Nach Ende der Unterrichtszeit um 16h besorgen die Schüler Besen und Lappen und säubern den Klassenraum. Das ist in Japan völlig normal und die Schüler sind nahezu Experten im Reinigen.

Viele fragen sich wahrscheinlich, wie ich mit der japanischen Sprache und den zugehörigen Schriftzeichen klarkomme. Noch in Deutschland habe ich etwa 3 Jahre Japanisch gelernt, am Anfang alleine mit Videos und später dann in der Schule in der Multilingua AG. Ich bin dadurch in der Lage, grundlegende Gespräche zu führen und zum Beispiel etwas über mein Land zu erzählen. Dennoch verstehe ich leider nicht viel im Unterricht, weshalb ich die Zeit momentan nutze, um mir tiefergehende Kenntnisse der japanischen Sprache anzueignen.

Um circa 17h beginnen dann die Clubaktivitäten. Diese sind kaum vergleichbar mit unseren AGs. Clubaktivitäten in Japan sind ein wichtiger Aspekt des Schullebens und nahezu jeder nimmt daran teil. An unserer Schule gibt es ein weitreichendes Angebot von Bogenschießen, Kendo (japanische Kampfsportart), Baseball und Tennis bis hin zu Kochen oder Teezeremonie. Nach langem Überlegen bin ich dem Badminton-Club beigetreten. Dieser trainiert wie die meisten Sportclubs etwa zweieinhalb Stunden täglich von Montag bis Samstag. Das war für mich persönlich eine große Veränderung. Während ich in Deutschland drei Mal pro Woche zum Sport gehe, gehe ich in Japan nun täglich zum Training und komme dann schließlich abends völlig erschöpft um 20h nach Hause.

Obwohl Clubs sehr anstrengend sind, erlebe ich sie sehr positiv. Durch das tägliche Zusammensein bildet man ein richtiges Team mit den anderen – eine gute Möglichkeit Freunde zu finden.

Meine Gastfamilie besteht aus zwei Gastbrüdern (17 und 19 Jahre), meinen Gasteltern und meiner Gastoma, die in der Wohnung unter uns wohnt. Hier in Japan ist es nämlich oft der Fall, dass die Großeltern mit in der Familie leben. Da aber mein älterer Bruder mittlerweile auf einer Universität in Tokyo studiert und mein Gastvater von Montag bis Freitag durchgehend arbeitet, esse ich abends nur mit meinem jüngeren Gastbruder und meiner Gastmutter. Nach dem üblichen täglichen Bad gehe ich dann um 22h schlafen. Ein anstrengender Alltag, doch für Japaner kann es noch härter kommen. Mein Gastbruder zum Beispiel muss abends noch Hausaufgaben machen, für Arbeiten lernen und möchte sich natürlich auch entspannen. Deshalb schläft er wie viele Japaner meistens nur vier bis sechs Stunden pro Nacht.

Trotz des sehr langen Tagesablaufs ist es doch ein schönes Gefühl, mit seinen Klassenkameraden in den Pausen zu reden, zu versuchen im Unterricht mitzukommen und im Club sich sportlich zu verausgaben. Vor allem die Abende mit meiner Gastfamilie genieße ich sehr und bin froh, mein Austauschjahr in Japan zu verbringen!

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