Das Schulsystem in Estland

Ein Vorbild?

von Paula Schüßler (Kl. 11)

Das estnische Schulsystem – eesti koolisüsteem – wird in vielen Medien als fortschrittlich und hochdigitalisiert dargestellt. Eben als ein Vorbild für Deutschland. Doch stimmt das wirklich? Ist das estnische Schulsystem so viel besser als das deutsche?

Foto: Paula Schüßler

Es gibt definitiv einige Dinge, die dort anders laufen. Die Unterrichtszeit fängt an den meisten Schulen zwischen halb neun und neun Uhr an, der Fächerkanon ist technikorientiert. Doch ist es wirklich so toll, wenn der Unterricht erst um neun anfängt? Natürlich, klingt erst einmal gut. Auf der anderen Seite verlässt man das Schulgebäude nicht vor 15 oder 16 Uhr. Danach folgen Hausaufgaben und das Lernen für die Tests und Arbeiten.

Die Hausaufgaben, Noten oder Termine für Klassenarbeiten stehen nicht wie in Deutschland in einem Hausaufgabenheft, sondern in einer App namens eKool (e-Schule) oder Stuudium (Studium), die die Schüler, Eltern und Lehrer besitzen. In den Apps kann alles eingesehen werden: was im Unterricht gemacht wurde, Präsentationen, Noten und Hausaufgaben. Des Weiteren können die Lehrer Kommentare zum Schüler in der App verfassen. Die Eltern der Schüler verfolgen also kontinuierlich den Bildungs- und Leistungsstand ihrer Kinder mit.

Hinzu kommt, dass man in Estland überwiegend erst mit sieben Jahren eingeschult wird. Es folgen sechs Jahre Grundschule, zwei Jahre Vorgymnasium und dann können sich die Schüler entscheiden, ob sie weiter auf das Gymnasium gehen (neunte bis zwölfte Klasse) oder die Schullaufbahn beenden möchten, um eine Ausbildung aufzunehmen. Die meisten entscheiden sich jedoch für den Abschluss der 12. Klasse, da sie dann an Universitäten studieren können und sich somit bessere Chancen im späteren Berufsleben erhoffen.

Die Fächer an sich sind im Vergleich zu Deutschland nicht wirklich anders, z. B. wegen der identischen Hauptfächer. Auffallend ist allerdings Russisch oder Deutsch als zweite Fremdsprache, und ab der zehnten Klasse tritt eine dritte Fremdsprache hinzu. Hier können die Schüler an meiner Schule zwischen Finnisch, Japanisch, Französisch, Deutsch und Spanisch wählen. Weitere Fächer sind britische, amerikanische und estnische Kultur sowie an einigen Schulen, wie auch an meiner, der Riigikaitse-Unterricht.

Riigikaitse lässt sich ungefähr als „Landesverteidigung“ übersetzen. Dort lernt man beispielsweise, wie man im Wald überlebt (es gibt auch immer ein Riigikaitselager, also ein Camp im Wald für 3 Tage), welche Waffen es gibt, wie man Karten liest und sich zurecht findet, und auch das Schießen darf nicht fehlen. Unser Riigikaitse-Lehrer ist ziemlich streng. Wenn wir nicht pünktlich auf dem Platz stehen, müssen erst einmal Liegestütze gemacht werden.

Interessant ist auch das sogenannte Periodensystem, welches von der zehnten bis zur zwölften Klasse angewendet wird. Ein Schuljahr hat vier bis fünf Perioden. In jeder einzelnen Periode wird der Fokus auf andere Fächer gelegt, immer auf vier bis fünf Fächer, die bis zu fünf Stunden oder mehr wöchentlich unterrichtet werden. Mir persönlich gefällt dieses System nicht so gut, da beispielsweise Englisch nur zwei Perioden unterrichtet wird. In der Zwischenzeit vergisst man ziemlich viel und die Lehrer fangen fast immer wieder von vorne an. Das gleiche Problem gibt es auch bei der dritten Fremdsprache. Mit diesem zunächst persönlichen Unbehagen stehe ich nicht allein. Denn auch meine estnischen Klassenkameraden können das gymnasiale Periodensystem nicht wirklich nachvollziehen.

Foto: Paula Schüßler

In vielen Unterrichtsstunden spielt Technik eine große Rolle, und auch Smartphones dürfen definitiv nicht fehlen. Egal ob es um einen Wissenstest, eine Abfrage oder Sonstiges geht. Die Technik ist wesentlich präsenter als in deutschen Schulen. Viele Aufgaben werden während des Unterrichtes digital gelöst.

In einigen Schulen Estlands müssen auch Schuluniformen getragen werden. So ist es auch hier am Tallinna Ühisgümnaasium, jedoch nur bis zur 7. Klasse. Außerdem haben fast alle estnischen Schulen eine Koolimüts, also eine Schulmütze, die bei festlichen Angelegen der Schule, wie zum Beispiel dem ersten Schultag, getragen wird.

Mir gefällt das estnische Schulsystem sehr gut und ich werde einiges davon definitiv in Deutschland vermissen.

“Aitäh lugemast ja head aega!”

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