Das Verschwinden von Andreas Grünjes

Mord oder Entführung?

Chiara Fleßner (Kl. 8)

Passend zu Leah Gands Artikel „Das Wandeln im Dunkeln“ habe ich mich mit dem Fall von Andreas Grünjes beschäftigt, der 1995 in Sande spurlos verschwand. Er war damals Gesprächsthema Nr. 1, auch die Presse hat er immer wieder beschäftigt. Doch was geschah damals genau? Eine der Letzten, die Andreas Grünjes gesehen hat, war Tanja Onken (zur Tatzeit 16 Jahre alt). Mit ihr habe ich ein Interview geführt.

„Ich kannte ihn nicht, doch diesen Abend habe ich hautnah mit erlebt!“,  berichtet Onken. Es war die Nacht zum 25. November 1995, als sie die Discothek WATT, heute bekannt unter dem Namen TWISTER, in Sande verließ. Sie selbst könne sich nicht mehr genau erinnern, wie spät es gewesen sei. Bekannt ist allerdings, dass Grünjes (damals 31) gegen drei Uhr nachts das WATT verließ. Als Onken zusammen mit einer Freundin von der Discothek den Weg nach Hause einschlug, konnte sie Grünjes heftig streitend mit seinen Kumpels sehen, welche anschließend in ein Taxi stiegen – allerdings ohne Grünjes. Man weiß, dass er in dieser Nacht Hausverbot in der Diskothek erhielt, da er in eine Schlägerei verwickelt war. Was dann geschah, ist öffentlich nicht bekannt. Laut der Presseberichterstattung könnte er direkt am WATT verschwunden sein, doch Onken widerspricht: „Er lief gut 20m vor uns“, verriet sie mir im Interview. Vom WATT aus seien die Mädchen zu Fuß bis zur Buchhandlung Aden in der Hauptstraße 7 in Sande gegangen. Dann hätten sich ihre Wege getrennt: Onken wäre nach rechts in die Kantstraße, ihre Freundin nach links in die Berliner Straße gegangen, und Grünjes hätte in den Falkenweg gewollt, um einen Freund zu besuchen, mit dem er zuvor gefeiert hatte. Wahrscheinlich handelte es sich bei diesem Freund um einen derjenigen, die im Taxi mitgefahren waren. Doch im Falkenweg kam Grünjes nie an. Irgendwo auf diesen 1000 Metern zwischen der Buchhandlung Aden und dem Falkenweg verschwand Grünjes spurlos.

Sein Freund, bei dem er eigentlich hätte ankommen müssen, wurde befragt, doch der hatte einen sogenannten „Filmriss“ aufgrund seines hohen Alkoholkonsums und erinnerte sich weder daran, wie er nach Hause gekommen, noch wo Grünjes geblieben sei (vgl. https://www.nwzonline.de/blaulicht/leiche-landete-offenbar-im-muell_a_5,1,733461190.html).

Ich fragte Onken, wie sie sich damals gefühlt habe, als sie erfuhr, dass sie und ihre Freundin die letzten waren, die Grünjes vor seinem Verschwinden sahen und ob sie etwas daraus gelernt habe. „Ich war erschrocken“, antwortete sie, „und ich habe immer gedacht: ,Hätte das auch mir passieren können‘? Er wurde nie gefunden und mir wurde bewusst, wie leichtsinnig man nachts durch die Gegend läuft. Ich bin nie wieder nachts zu Fuß gegangen, habe mich immer abholen lassen.“ Das empfiehlt sie auch den Leser/innen unserer Zeitschrift. „Ich muss noch oft daran denken“, schließt Onken ihre Aussagen.

Auch nach dem Interview blieben für mich noch einige Fragen offen, z. B. zum heutigen Ermittlungsstand: Insgesamt wurde der Fall drei Mal wieder aufgenommen, erstmals 2001, als er im Fernsehen bei der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst vorgestellt wurde. Es gingen mehrere Anrufe über Sichtungen von Grünjes, zum Teil aus dem Ausland, ein. Doch auch nachdem an diesen Orten nach ihm gesucht wurde, wurde er nie gefunden (vgl. http://www.wzonline.de/nachrichten/lokal/artikel/uhr-fuer-die-ermittler-laeuft.html).

Ein weiteres Mal wurde der Fall 2005 aufgenommen, nachdem ein Mann, gegen den ein Diebstahlverfahren lief, einen Totenschädel gefunden hatte und ihn zusammen mit dem Namen Stephan O. der Polizei überreicht bzw. genannt hatte. Stephan O. soll Grünjes ermordet haben und ihn in einen großen Müllcontainer geworfen haben, der damals auf dem Gelände des WATT stand. Außerdem soll O. mit mehreren Personen über seinen Mord gesprochen haben. Doch erst als er dies auch versehentlich verdeckten Ermittlern erzählt hatte, wurde O. 2007 vom Oldenburger Amtsgericht in Untersuchungshaft genommen. Doch jeder Person, der er etwas über den Mord an Grünjes berichtet hatte, hatte er eine jeweils andere Geschichte erzählt, auch sich teilweise widersprechende. Vor Gericht stritt der 31-Jährige Stephan O. dann allerdings das Verbrechen ab. Der Totenschädel soll zudem nicht zum Opfer gepasst haben. Aus Mangel an Beweisen, da die einzigen Indizien seine eigenen, unglaubwürdigen Aussagen waren, wurde er 2008 frei gesprochen. Seine „Geständnisse“ wurden als „Wichtigtuerei“ bezeichnet (vgl. https://www.nwzonline.de/blaulicht/mord-ohne-leiche-nicht-zu-beweisen_a_3,1,135029092.html und https://www.nwzonline.de/blaulicht/zeuge-praesentiert-totenschaedel_a_3,1,253358481.html).

Bis heute sind Grünjes oder seine Leiche nicht gefunden worden, und ohne Leiche kann kein Mord bewiesen werden. Es wurden Vermutungen aufgestellt, was in der Nacht wirklich passiert sein könnte. Ein ehemaliger Freund von Grünjes behauptete acht Wochen nach dessen Verschwinden, ihn in Emden gesehen zu haben. Der Zeuge saß im Auto und Grünjes soll vorbeigelaufen sein. Daraufhin wurde Emden durchsucht, doch auch dort konnte Grünjes nie gefunden werden. Die „Sichtung“ gilt heute als Versehen. Nach mehreren gescheiterten Suchaktionen wurden die Ermittlungen zu dem mysteriösen Verschwinden von Andreas Grünjes 2008 bis auf Weiteres eingestellt (vgl.  http://azxy.communityhost.de/t871184745f354157108-FF-Friesland-Vermisstenfall-Andreas-Gruenjes.html).

Was in der Nacht tatsächlich geschah und ob wirklich ein Mord verübt wurde, bleibt bis heute unklar. Ein beängstigender Gedanke.

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